Neulich traf ich K., einen alten Bekannten von früher. Er war gut gelaunt und noch bevor ich ihn fragen konnte, wie es denn so ginge, berichtete er mir von einer, ich zitiere „banalen wie bahnbrechenden Erkenntnis“ für ihn. Das machte mich neugierig. Obwohl ich gerade eilig irgendwo hin wollte, wohin weiß ich jetzt nicht mehr, bat ich ihn, mir die Sache zu erzählen. Zwilling eben.

Die Sache ging ungefähr so: Zwei Tage lang war K. damit beschäftigt, zwei Räume in seinem Erdgeschoss zu renovieren, Tapeten runter, neue drauf, Wände grundieren, mit Bio-Farbe streichen usw. Als er endlich fertig war, gefiel es ihm aus irgendeinem Grund nicht so richtig gut. Das lag, wie er sagte, nicht an der Farbe. Es war wie vorher weiße Farbe, also keine Überraschung. Nein, es war etwas anderes. Aber was? Er machte sich also auf den Weg und inspizierte alle weiteren nicht renovierten Räume im Haus. Tja, keine Ahnung.
Eine Freundin kam zu Besuch. Die ging mit ihm durchs Haus und verglich die Räume miteinander, suchte ebenfalls nach Erklärungen für seine Unzufriedenheit. Wieder nichts? Auf dem Weg die Treppe runter ins neu renovierte Erdgeschoss rief Sie dann plötzlich: „Ich hab`s! Oben ist alles ruhig, überall befinden sich Abschlussleisten. Da unten fehlen sie“. Er aufgeregt: „Da brat mir doch einer nen Storch, daran soll es liegen?“
Er sprang, seine Worte, die Treppe hoch (ist nicht mehr der Jüngste), kam wieder runter und sagte: „Du hast recht!“ Nun zückte K. sein Mobiltelefon, kramte in seiner Fotodatei und zeigte mir ein Vorher-Nachher-Foto.
Vergleich Abschluss „Bitte schön, ist das ein Unterschied? Eigentlich kaum Aufwand und so eine Wirkung! Ich habe die neu renovierten Räume dann sofort mit Fußleisten ergänzt und plötzlich war Ruhe im Karton. Und es sah schöner aus! Endlich war ich zufrieden. Da staunst Du, was? Also denk bei Dir auch mal an die Abschlussleisten. So jetzt muss ich weiter, bis demnächst mal wieder.“ Und weg war er.

Wenn etwas abgeschlossen werden- und Ruhe einkehren soll, ja wenn es sogar schön werden soll, hilft also eine Abschlussleiste? In den folgenden Tage dachte ich darüber nach und schaute mir alle möglichen Räume an. Fast überall waren Fußleisten angebracht und da wo keine angebracht wurden, sah ich unruhige Übergänge, Ungenauigkeiten, kleine Schlampereien. 
Jetzt muss man nicht unbedingt zu den Hochbegabten gehören, um diese Eindrücke als Metapher zu übertragen. Überall wird transformiert, Routinen müssen überarbeitet werden, es gibt kaum Zeit, Luft zu holen. Passendes Personal fehlt zeitweise- oder ganz, Abläufe verzögern sich, Verabredungen werden nicht eingehalten, Verantwortliche sind ungenau. Obwohl kaum jemand Jazz studiert hat, muss ständig improvisiert werden.

Frage: Wie sehen eigentlich, sind wir mal soweit, unsere „Abschlussleisten“ aus und wo müssen sie dringend angebracht werden, um ich zitiere K.: „Ruhe in den Karton zu bekommen“?

 

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Abschlussleiste einer Heizungsverkleidung in der Villa Flora, Winterthur, Schweiz.