Neulich traf ich T. bei einer Veranstaltung, in der es um das Startup-Management für junge Firmengründer ging. Nach einer freudigen Begrüßung und einigen subtilen Hinweisen zu den jeweiligen Alterungsprozessen, ließen wir uns in einem kleinen Restaurant in der nahe gelegenen Altstadt nieder. T. erzählte, dass er seit mehreren Jahren ein Innovations-Zentrum der Stadt leitet und nun im nächsten Monat aufhören würde zu arbeiten. Rente. Einerseits wäre er froh, dass er die in letzter Zeit zunehmende Entfremdung durch die, ich zitiere: „politische Orientierungslosigkeit, Personalabbau verbunden mit Erwartungshaltungen, die mit der Realität nichts zu tun hätten“ (mehr zähle ich hier nicht auf) los werden würde. Andererseits…was nun? Irgendwie würde es schon werden sprach er und wirkte verzagt. Ich wusste, dass er früher eine Zeit lang gern als Gitarrist in Bands gespielt hat und fragte ihn, ob er noch spielen würde. Nun, die Sache sah so aus, dass er, selbst kurz vor dem offiziellen Aus, bis zum Anschlag arbeitet und nach Feierabend allenfalls wehmütig seine Gitarrensammlung anschaut, manchmal würde er nicht mal das schaffen. Fazit: Keine Zeit für sowas. Nun käme noch dazu, dass er die Stadt verlassen würde, da er und sein Frau in seinem Heimatort (er nuschelte irgendwas von abgelegen) günstig ein Häuschen kaufen könne. Irgendwie hatte ich den Eindruck, er hatte schon eine Ahnung davon hatte, dass ihm die fehlende Vorbereitung auf den Wechsel in den sogenannten Ruhestand bald vor die Füße fallen würde. Meinen Hinweis, dass er doch nun endlich richtiger Gitarrist werden könne, traf nicht direkt ins Schwarze. Er schaute auf die Uhr, als müsse er gleich los und winkte mit leicht resigniertem Gesichtsausdruck ab. Er könne sich gerade nicht vorstellen, demnächst acht Stunden am Tag, sieben Tage die Woche usw. „Klampfe zu üben“, und überhaupt für wen? Da wäre ja niemand, mit dem er spielen könne und zuhören, wer wolle das da? Irgendwie aus heiterem Himmel fiel mir dazu das erste Gebot Sun Tzu’s aus „Die Kunst des Krieges“ ein: Gründliche Vorbereitungen sind das A und O des Erfolgs. Diese Erkenntnis (übertragen ist ja wohl erlaubt) gibt es zwar seit rund 2500 Jahren, wird aber offensichtlich immer noch nicht konsequent verfolgt. Da ich T. länger nicht gesehen hatte, verkniff ich es mir, das Thema Vorbereitung weiter zu vertiefen. Ich nahm mir aber vor, selbst besser drauf zu achten. Man kommt ja irgendwann auch in die Jahre. Dieser Wechsel, so wie er sich bei T. andeutete, hat im Prinzip wie jede anstehende Transformation etwas mit Routineveränderungen zu tun, fiel mir ein. Ziemlich komplex, mit Einflüssen auf psychische und körperlich Vorgänge, wobei die sich natürlich auch noch gegenseitig beeinflussen, systemisch gesehen, versteht sich. Wir plauderten noch über scheinbar eher Belangloses, wie den anstehenden Generationenwechsel in seinem Unternehmen und gingen anschließend unserer Wege, nicht ohne uns gegenseitig ein schönes Weiterleben zu wünschen.
Mir fielen dann unterwegs eine Menge Aspekte eine, die für T. hätten interessant sein können, auch kurz vor seinem Wechsel von A nach B. Wie heißt es doch: Eine Investition in Wissen, bringt immer noch die besten Zinsen. Über das Wissen um den Zustand der eigenen innere Sicherheit bzw. der eigenen Verunsicherung vor Umstellungen zu verfügen, das wäre schon mal gut. Die möglichen Auswirkungen auf das was kommt, könnte man so besser einschätzen. Und dann aber der tatsächliche Umstieg selbst. Nicht ohne. Das Verlassen einer gewohnten Ordnung, um später bei einer neuen Ordnung anzukommen (ja in diesem Fall was für eine?) nennt man Ordnungs-Ordnungs-Übergang. Zwischen den Ordnungszuständen tritt ein Phase der Unsicherheit, in der alte Ordnungen und die damit erlernten Routinen nicht mehr wirken. Eine neue Ordnung, die zwar gerade entsteht, aber noch nicht fühl- und sichtbar ist, erzeugt eben nicht gleich passende Routinen. Die anzulegen und einzuüben dauert halt und verunsichert möglicherweise umfassender als man denkt, zumal wenn es nicht auf Anhieb klappt und die alten Routinen noch Oberhand behalten. Ein weiterer Aspekt wären die biochemischen Auswirkungen auf die Gesundheit nach dem Wegfall routinierter Sicherheiten durch bisher strukturierte Abläufe. Was bekannt ist: Routinen können das Stressniveau senken, den Blutdruck stabilisieren, die Immunfunktionen verbessern und damit insgesamt das Niveau der Regeneration nach Verausgabung steigern. Was immer wieder nicht bedacht wird: Eine mental und faktisch nicht vor-gedachte Transformation, wie hier der nahtlose Übergang in den zunächst „sinnfreien Ruhestand“, steigert das Risiko von unliebsamen psychosomatischen Entwicklungen. Mit anderen Worten: hochidentitätsstiftende Tätigkeiten ohne Ersatzstruktur aufzugeben, kann einen schon mal ins Schleudern bringen. Mit Sicherheit sind Überlegungen dieser Art auch für anderen Formen der Transformation nützlich, wovon es ja derzeit Land auf Land ab sehr viele gibt, sehr viele. Dabei ist das Ablegen nicht mehr passender Routinen und das Anlegen passender Routinen eigentlich keine Zauberei. Unser Gehirn kann das. Wir können das. Stichwort: „Neuroplastizität“, auch vor und im Ruhestand. Entsprechende Motive und Gründe, sich dem ernsthaft zu widmen, wären natürlich hilfreich. Stichwort: „Microhabits“, um erstmal klein anzufangen. Obwohl Musik nachweislich positive Einflüsse auf das Wohlbefinden hat (z. B. kann ruhige Musik den Colesterinspiegel senken, das Nervensystem insgesamt beruhigen, nicht umsonst wird Musiktherapie gezielt eingesetzt, um Burnout Symptome zu lindern), reicht rund um die Uhr Gitarre zu spielen nicht, um das Ruhestandsloch klein zu halten. Sich frühzeitig gründlich vorzubereiten wäre aber schon nicht schlecht. Dazu gibt es bei uns natürlich mehr zu erfahren. Das aber nur am Rande. Vielleicht rufe ich T. mal an und frage ihn, ob ihn das interessiert.
